Kultur & Geschichte,  Spaziergänge

Gedenkstätte der Sozialisten mit Friedhofsspaziergang

Unter den Berliner Denkmalen eines der großen, trotzdem war ich Gestern nach 26 Jahren in Berlin zum ersten Mal dort. Die Gedenkstätte der Sozialisten ist Teil des Zentralfriedhofs Friedrichsfelde und tatsächlich nur einer von vielen Gedenkorten auf dem Areal, das ihr entlang eines ausgeschilderten historischen Rundganges erkunden könnt. Ich weiß nicht, wie viel dort sonst los ist, aber bei Regen waren wir praktisch allein auf weiter Flur.

Gedenkstätte der Sozialisten
Gedenkstätte der Sozialisten bei Schmuddelwetter

Gedenkstätte – Infos

Die Gedenkstätte der Sozialisten befindet sich gleich rechts hinter dem Haupteingang des Friedhofs in der Gudrunstraße. Dort ist derzeit eine riesige Baustelle, am besten lauft ihr einfach vom S-Bahnhof Friedrichsfelde Ost her. Am Eingangstor warnt die Polizei vor Taschendieben, aber nicht nur die treiben dort wohl ihr Unwesen – der Gedenkort (und andere Teile des Friedhofs) wurden im Frühjahr Ziel von Plünderungen, bei denen etliche Metalltafeln gestohlen wurden. Unklar ist, ob es sich um ein politisches Motiv handelt, gefasst wurde bisher niemand. So oder so: Gräber schänden? Karmakonto für immer leer, hoffe ich! Während die meisten Platten noch nicht ersetzt wurden, haben zumindest Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg bereits neue erhalten.

Aber eins nach dem anderen: Bevor ihr zu den Gräbern geht, könnt ihr euch – falls ihr euch nicht vorab belesen habt – eine kleine permanente Ausstellung ansehen. Etliche Tafeln informieren dort über die Geschichte des Friedhofs, die 1951 eingeweihte Gedenkstätte sowie über die Biografien einzelner hier bestatteter Personen. Nicht besonders ansprechend gestaltet und mit dem Charme einer Bushaltestelle, aber zur Orientierung ganz gut.

Unter den bekannten hier bestatteten Persönlichkeiten könnt ihr neben Luxemburg und Karl Liebknecht noch seinen Vater Wilhelm Liebknecht finden. Für Kritik sorgt, dass auch Walter Ulbricht hier begraben wurde, der den Bau der Berliner Mauer befohlen hatte. Ich persönlich fand besonders spannend, dass auch eine Wegbereiterin der proletarischen Frauenbewegung hier beigesetzt wurde: Emma Ihrer.

Gedenkstätte der Sozialisten – Grab Wilhelm Liebknecht
Grab von Wilhelm Liebknecht

Emma Ihrer

Emma Ihrer (1857 als Emma Rother-Faber geboren) kam 1881 nach Berlin und engagierte sich trotz Verbots politisch, hielt auf Versammlungen Reden zur sozialen Lage der Arbeiterinnen und zur Gleichstellung der Frau. Sie war im Vorstand des 1885 gegründeten „Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen“, der schon ein Jahr später wieder aufgelöst wurde. Trotz aller Widerstände trat sie weiter für die Rechte der Frauen ein und gründete 1890 die Zeitschrift „Die Arbeiterin“, die ein Jahr später in „Die Gleichheit“ umbenannt wurde. 1898 erschien ihre Schrift „Die Arbeiterin im Klassenkampf“. Auch privat lebte sie ein für ihre Zeit sehr modernes Leben und wohnte, obwohl sie verheiratet war, mit ihrem Lebensgefährten Carl Legien zusammen, der neben ihr begraben liegt.

Gedenkstätte der Sozialisten – Legien & Ihrer
Gräber von Emma Ihrer und Carl Legien

Rundgang über den Friedhof

Am Eingang hatte ich einen Plan mitgenommen, auf dem die Route des Rundganges eingezeichnet ist und was es dort zu sehen gibt. Die Gedenkstätte der Sozialisten ist Nummer 1 von 14. Plant für den Spaziergang mindestens eine Stunde ein, deutlich mehr, wenn ihr alles lesen wollt. Das Grab der Künstlerin Käthe Kollwitz, der Gewerkschafterin Paula Thiede und das des Sternwartengründers Friedrich Archenhold waren für mich die interessantesten Stationen.

Grab der Künstlerin Käthe Kollwitz

Für Geschichtsinteressierte auf jeden Fall ein lohnender Ausflug, der Friedhof gehört für mich aber nicht zu den wirklich sehenswerten in Berlin. Ihr interessiert euch für Gedenkstätten? Dann lest auch meinen Artikel „Denk- und Mahnmale in Berlin“. Mehr zum Thema Frauenbewegung findet ihr außerdem in diesen Beiträgen: „Friedhof der Märzgefallenen: Frauen und Revolution“ und „Große Frauenrechtlerinnen in Berlin: Hedwig, Minna und Helene“ (die gehörten allerdings zur bürgerlichen Frauenbewegung).

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