Erich Ohser in Berlin

Seit Generationen schreiben Kinder in der Schule Aufsätze über die liebevollen Bildergeschichten von Vater und Sohn. Welches tragische Schicksal sich hinter dem Schöpfer verbirgt, weiß vermutlich kaum jemand. Der Karikaturist mit dem Pseudonym e.o.plauen war vor der Machtergreifung vor allem politisch tätig und beging 1944 im Gewahrsam der Nazis Suizid. Spuren von Erich Ohser in Berlin sind rar, aber ein paar Orte, an denen er aktiv war oder wo seiner gedacht wird, sind vorhanden.

Von Plauen über Leipzig nach Berlin

Geboren wurde Ohser am 18. März 1903 in einem Dorf im Vogtland. Mit sechs Jahren zog er mit seiner Familie nach Plauen, wo er auf Drängen der Familie eine Schlosserlehre absolvierte. Doch ihn zog es in die Kunst – nach seiner bestandenen Gesellenprüfung 1920 machte sich der Siebzehnjährige auf nach Leipzig, wo er sich an der Akademie für grafische Künste und Buchgewerbe einschrieb. Durch seine Tätigkeit bei der Neuen Leipziger Zeitung lernt er den Redakteur Erich Knauf kennen, der ihn 1923 mit Erich Kästner bekannt machte. Die jungen Männer bildeten ein privates und auch ein berufliches Dreigestirn. „Unser Ehrgeiz und wir selber brauchten wenig Schlaf“*, schrieb Kästner später über ihre Zeit in Sachsen. Sie teilten ihre kritische Weltsicht und arbeiteten, was das Zeug hielt. Doch ihre frechen, mitunter respektlosen Publikationen fanden nicht überall Anklang – 1926 war es darum an der Zeit, für das Künstlertrio nach Berlin weiterzuziehen.

Regimekritische Jahre

Erich Knauf wurde zum Cheflektor der Büchergilde Gutenberg und verschaffte Ohser dort zahlreiche Aufträge als Illustrator. Nicht nur Bücher wurden von ihm mit Bildern versehen, er zeichnete auch Vignetten und Witzbilder für das sozialdemokratische Publikationsunternehmen, das seinen Sitz in der Dudenstraße 10 hatte.

Dudenstr. 10 – ehemaliger Sitz der Büchergilde Gutenberg

Daneben tat sich Erich Ohser in Berlin auch mit politischen Karikaturen hervor, die er unter anderem in der „Neuen Revue“, im „Querschnitt“ und im „Vorwärts“ veröffentlichte. Berühmt wurde vor allem seine Zeichnung „Dienst am Volk“ von 1931 mit dem Hakenkreuzpinkler. Doch er nahm auch regelmäßig Hitler und Goebbels persönlich aufs Korn. Die Ohser-Biografin Elke Schulze schreibt hierzu: „Mit groben, schwarzen Linienzügen führt Ohser die Nationalsozialisten als einen Haufen rüpelhafter Dummköpfe vor, deren Anführer von Größenwahnsinn, Geltungssucht und Feigheit zugleich angetrieben sind“*.

1933 – eine Zäsur

Mit Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 änderte sich für Erich Ohser zunächst alles. Die SPD-Parteizentrale in der Kreuzberger Lindenstraße wurde am 6. März von den Nazis besetzt. Das Zentralorgan „Vorwärts“ – für den Ohser tätig war – wurde bereits Ende Februar verboten. Der Druck wurde gestoppt und die Nazis verhafteten den stellvertretenden Chefredakteur Franz Klühs, der später an den Folgen der erlittenen Folter starb. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört, aber ihr findet Ecke Linden- und Franz-Klühs-Straße drei Informationsstelen, die an die Ereignisse erinnern.

Infotafeln SPD-Parteizentrale und „Vorwärts“

Wegen seinen politischen Zeichnungen erhielt Ohser zunächst Berufsverbot. Doch damit nicht genug. Als am 10. Mai auf dem Opernplatz die Bücher vieler von den Nationalsozialisten verfemter Autoren auf dem Scheiterhaufen in Flammen aufgingen, verbrannten auch seine Zeichnungen, denn Ohser hatte mehrere Werke Erich Kästners illustriert.

Ehemaliger Opernplatz – Ort der Bücherverbrennung 1933

An das Geschehnis auf dem heutigen Bebelplatz in Mitte erinnern heute mehrere Gedenktafeln und ein in den Boden eingelassenes Kunstwerk. Erwartet aber nicht zu viel, die leeren weißen Bücherregale könnt ihr zumindest im Winter wegen beschlagener Scheibe gar nicht sehen.

Geburtsstunde der Bildergeschichten von Vater und Sohn

Als der damals bereits renommierte Ullstein Verlag einen Comiczeichner suchte, überzeugte Ohser mit seinen Zeichnungen des gutmütigen Vaters mit dem Walrossbart und seinem Sohn mit den Strubbelhaaren. Nach dem Vorbild von Micky Maus sollten daraus stehende Figuren werden, die wöchentlich in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ des Verlages erscheinen sollten. Doch da war ja noch das Problem des Berufsverbotes. Wie genau sie es anstellten, ist nicht klar, doch dem Publizist Johannes Weyl und dem Redakteur Kurt Kusenberg gelang es, dass die liebevollen und fantasiereichen Bildergeschichten von Vater und Sohn erscheinen konnten.

Ullsteinhaus Berlin

Steht man vor dem gewaltigen Ullsteinhaus aus den 20er-Jahren, das den Krieg fast unbeschadet überstanden hat, kann man sich vorstellen, dass der Verlag über einigen Einfluss verfügte. Es gab allerdings Einschränkungen durch Goebbels: Ohser waren politische Zeichnungen weiterhin verboten und er musste unter einem Pseudonym arbeiten: Schöpfer des schon bald überregional berühmten Comicduos wurde darum ein e.o.plauen. Bis zum Ende der Serie im Dezember 1937 erschienen ganze 157 Abenteuer, die auch mehrfach als gebundene Sammelbände erschienen.

Arbeit für „Das Reich“

In den kommenden Jahren arbeiteten alle drei Erichs beim Film, Knauf beispielsweise schrieb den Kanon „Der Frühling liebt das Flötenspielt“ für den Rühmann-Film „Die Feuerzangenbowle“. Laut Schulze „eine der Paradoxien der Alltagswelt im Dritten Reich, dass ausgerechnet die Filmproduktion, propagandistisches Lieblingskind von Goebbels, zum Rückzugsort und temporären Schutzraum für nicht genehme Künstler wird“*. Allerdings wurde Ohser 1940 auch die Mitarbeit an der vom Propagandaminister selbst konzipierten Zeitschrift „Das Reich“ angeboten. Warum auch immer, er akzeptiert und liefert wöchentliche, bitterböse Zeichnungen. Er rechtfertigte sein Engagement mit Vaterlandsliebe und als Arbeit gegen die Alliierten – innerlich scheinen ihn seine eingegangenen Kompromisse zerrissen zu haben. Im Privaten wurde seine Kritik an den Nazis wohl auch deswegen immer lauter.

Ende in Kaulsdorf

Als durch die Bombenangriffe auf Berlin sowohl Ohsers Wohnung am Hoffmann-von-Fallersleben-Platz als auch sein Atelier zerstört wurden, zog er mit seinem ebenfalls ausgebombten Freund Erich Knauf nach Kaulsdorf. Das Haus eines Freundes teilten sie sich mit einem Ehepaar. In dem Aktfotografen Bruno Schultz sahen die beiden wohl einen vertrauenswürdigen Künstlerkollegen. Allerdings protokollierte dieser ihre sämtlichen regimekritischen Äußerungen und denunzierte sie bei der Gestapo. Am 28. März 1944 wurden beide verhaftet. Vor dem Haus am Feldberg 3 steht seit 1999 eine Gedenktafel für die Künstler.

Kaulsdorf: Gedenktafel für Knauf und Ohser

Ohser beging am Tag vor der Prozesseröffnung in seiner Zelle im Gefängnis Moabit Suizid. In einem Abschiedsbrief versuchte er noch, den Freund zu entlasten, und auch Heinz Rühmann soll sich für Knauf eingesetzt haben – ohne Erfolg. Er wurde zum Tode verurteilt und am 2. Mai 1944 hingerichtet.

Für beide wurde vor der Dudenstraße 10 – ihrer ehemaligen Arbeitsstätte – ein Stolperstein zur Erinnerung in den Boden eingelassen.

Stolpersteine: Erich Ohser & Erich Knauf

Erich Ohser in Berlin – eine Spurensuche

Im Stadtbild erinnert wenig an den Künstler, die ein oder andere Spur könnt ihr aber verfolgen. Demnächst erfahrt ihr dann hier auch noch mehr über seinen Freund Erich Kästner – und wer den Film „Kästner und der kleine Dienstag“ noch nicht gesehen hat, sollte das unbedingt machen! Der Schauspieler Hans Löw verkörpert die Rolle von Ohser darin ganz wunderbar.

*alle Zitate stammen aus: Elke Schulze: Erich Ohser alias e.o.plauen. Ein deutsches Künstlerschicksal, Südverlag 2014.

1 thought on “Erich Ohser in Berlin

  1. Werner says:

    Spannende Geschichte abseits des Berliner Mainstreams. Ich denke, nur wenige kennen die Schicksale hinter „Vater und Sohn“. Diese sind gerade jetzt von schrecklicher Aktualität!

    Werner

    Antworten

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