Filmfest FrauenWelten in Berlin

Das 21. Filmfest FrauenWelten eröffnete am 27.10.2021 sein Programm, das zum zweiten Mal in Berlin präsentiert wird. In diesem Jahr widmen sich 29 Spiel- und Kurzfilme sowie zahlreiche Dokumentationen aus 26 Ländern den Schwerpunkten „born equal – live free“, „rights & religion“ und „mission empowerment“. Reden gab es unter anderem von der Festivalleiterin Sabrina Kürzinger sowie von Christa Stolle. Die Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes verwies auf die Lage von Frauen in Berlin und weltweit und auch auf Rückschläge durch die Coronapandemie.

Eröffnungsfilm „Miss Marx“

​​„Zweifellos wird es Gleichheit aller, unabhängig vom Geschlecht, geben”. Mit diesem hoffnungsvollen Zitat von Eleanor Marx leitete Kürzinger dann in den Auftaktfilm über. Die Deutschlandpremiere der italienischen Regisseurin Susanna Nicchiarelli beleuchtet das Leben der jüngsten Tochter des Sozialisten Karl Marx. Als engagierte Aktivistin führte diese nach dem Tod des Vaters sein Werk fort und machte sich für die Abschaffung von Kinderarbeit und für Frauenrechte stark. Privat jedoch war das Leben von Eleanor geprägt von Aufopferung, Geldsorgen und Demütigungen durch ihren Lebensgefährten Edward Aveling. Die finale Tragödie ihres Suizids inszeniert Nicchiarelli als wilden Tanz, in dem Eleanor aus den Konventionen und Zwängen ihrer Zeit ausbricht. Untermalt wird dieser von lauter Musik der amerikanischen Punkband „Downtown Boys”, deren Lieder in dem gesamten Biopic für einen bewussten Bruch mit dem Genre Historienfilm sorgen. Am Ende passte der Kniff für mich: Die starke Frau hat das späte 19. Jahrhundert trotz allem echt gerockt!

Stadtführung im Prenzlauer Berg

Passend zum Engagement von Eleanor Marx hab ich mir aus dem Rahmenprogramm noch die Führung ,,Mühsal ein ganzes Leben lang. Frauengeschichte im Prenzlauer Berg“ rausgepickt. Die Publizistin Claudia von Gélieu von „Frauentouren“ nahm uns mit zu Gedenkorten wie dem ehemaligen Wohnhaus von Käte Niederkirchner, einer Widerstandskämpferin, die 1944 im Frauen-KZ Ravensbrück ermordet wurde.

Die für mich faszinierendste und bis dahin völlig unbekannte Geschichte handelte von Agnes Wabnitz, die auf dem Friedhof Pappelallee beigesetzt wurde. Trotz des 1848 erlassenen Verbotes des politischen Engagements für Frauen, trat die Mantelnäherin immer wieder sogar als Rednerin bei Versammlungen auf. Als ihr die bereits zweite Haftstrafe drohte, wählte auch sie den Freitod. Ihre Beisetzung schlug 1894 riesige Wellen – über 40.000 Menschen sollen sich an dem eigentlich verbotenen Leichenzug für die Aktivistin beteiligt haben. Die Polizei zählte unglaubliche 630 Trauerkränze und war schockiert! Ganze 80 mehr als für den wenige Jahre zuvor verstorbenen Kaiser Wilhelm I. niedergelegt wurden.

Frauenleben in Berlin um 1900

Der Spaziergang führte uns dann vorbei am Prater, dem Stadtbad im heutigen Hotel Oderberger und der ehemaligen Schultheiss Brauerei. Warum waren 95% der Besucher in den Bädern Männer, konnten Frauen am Wochenende fröhlich in den Biergarten gehen und wie waren ihre Arbeitsbedingungen in Fabriken oder bei der Heimarbeit? Ein für mich sehr spannender Einblick in Lebenswelten, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.

Die Tour endet am Kollwitzplatz, der nach seiner berühmten ehemaligen Anwohnerin benannt wurde. Auch der Künstlerin Käthe Kollwitz lagen vor allem die unliebsamen Themen am Herzen: Armut, Unterdrückung, Kinderarbeit, Frauenrechte und häusliche Gewalt kennzeichnen ihre Werke.

Gedenktafel Käthe Kollwitz

Filmfest FrauenWelten – ein wichtiges Event

Ich hatte das Filmfest dieses Jahr zum ersten Mal auf dem Schirm und bin froh, dass ich die Veranstaltungen besucht habe. Den ein oder anderen Film werde ich mir sicher auch noch als Stream holen. Übrigens unterscheidet sich FrauenWelten von ähnlichen Formaten: alle Filmschaffenden können Beitrage einreichen. Update zum Vormerken: die 22. Ausgabe von FrauenWelten wird vom 26.10-02.11.2022 wieder in der Kulturbrauerei stattfinden!

Ihr interessiert euch für Frauengeschichte? Hier findet ihr Artikel über eine Führung zum Frauentag in Berlin und über die Frauenproteste in der Rosenstraße.

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