Rio Reiser – ein Platz für den „König“

Das 50jährige Bandjubiläum von Ton Steine Scherben fiel 2020 durch Corona ins Wasser. Auch die Nachholveranstaltungen 2021 gingen fast komplett an mir vorüber. Die bereits 2018 beschlossenen Umbenennung der Heinrichplatzes in Kreuzberg hat sich sogar bis zum 21.08.22 verschoben, da einige Anwohner dagegen geklagt hatten. Aber nun ist es soweit: Rio Reiser hat seinen eigenen Platz in Berlin.

Straßenschild Rio Reiser Platz
Straßenschild Rio-Reiser-Platz

Große Aufmerksamkeit für den Rio-Reiser-Platz

Vorab nichts von der Einweihung des Platzes mitzubekommen war in Berlin quasi unmöglich. Zumindest in Friedrichshain hab ich an vielen Orten Flyer gesehen mit einer Zeile aus dem „Rauch-Haus-Song“ der Ton Steine Scherben. Aber auch in allen regionalen und überregionalen Zeitungen wurde wohlwollend oder kontrovers berichtet. Witzig fand ich die Kolumne dazu bei n-tv von Thomas Schmoll: „Endlich benennt Berlin Straßen nach Säufern“. Aber auch in der taz stand im Artikel „Ein Platz für Rio Reiser“ etwas, das ich so unterschreiben kann: dass es bei der Benennung von Straßen „definitiv Zeit für neue Helden“ ist (eigentlich ja bis 50/50 Heldinnen, aber ok). „Und wenn Reiser in 100 Jahren niemandem mehr was sagt: Bitte sehr, findet selber was Neues!“ – genau! Solche Schildchen sind schließlich nicht in Stein gemeißelt.

Flyer zur Einweihung des Rio Reiser Platzes

Einweihungsparty in Kreuzberg

Das wollte ich mir dann auch nicht entgehen lassen. Auf dem kleinen Platz war einiges los, der Altersdurchschnitt insgesamt ziemlich hoch und auch ein paar Gegner mit Schildern zugunsten von Heinrich bzw. „Heini“ waren da. Moderiert wurde die Veranstaltung sympathisch von Gloria Viagra.

Gloria Viagra am Rio-Reiser-Platz

Highlight war aber natürlich der Auftritt von Ton Steine Scherben, die so ziemlich alle bekannten Songs wie „Keine Macht für Niemand“, „Mein Name ist Mensch“ oder „Wir müssen hier raus“ gespielt haben. Letzteres hat mir gesungen von Kid Vicious ehrlich gesagt besser gefallen als das Original. Die Version könnt ihr euch bei YouTube ansehen.

Und hier noch eine kleine Ehrenrettung für Claudia Roth, die als einstige Scherben-Managerin eine Rede gehalten hat. Man mag von ihrer Politik halten, was man will, aber sie wurde extrem ausgebuht und mit Hau-ab-Rufen konfrontiert – das war völlig daneben. Sie hat meiner Meinung nach sehr persönliche und rührende Sachen gesagt, die man ihr in Ruhe hätte zugestehen können. Bestimmt war sie am nächsten Tag ziemlich heiser. Als Politikerin muss man schon ein sehr dickes Fell haben.

Gedenken in Berlin

Der neue Platz ist aber nicht der einzige Ort, an dem ihr Spuren des Sängers findet. Am ehemaligen Wohnhaus Reisers am Tempelhofer Ufer 32 gibt es seit 2013 auch eine Berliner Gedenktafel. Dort lebten und arbeiteten die Scherben von 1971 bis 1975.

Rio Reiser Gedenktafel
Berliner Gedenktafel für Rio Reiser

Ebenfalls dort hat die Streetart-Künstlerin Marycula (vielleicht ist es auch ein Mann, man weiß es nicht) ein Porträt Reisers an die Wand gesprüht. Mein Zufallsfund wurde zuhause zwar mit „Oh cool – The Cure“ quittiert, aber ich finde es ziemlich gelungen – eine gewisse Ähnlichkeit mit Robert kann ich aber nicht von der Hand weisen! Von Marycula stammt übrigens auch das Bild der Ikone David Bowie unter dessen Gedenktafel in Schöneberg.

Rio Reiser Graffitti
Rio-Reiser-Wandbild

Außerdem wurde im Hof des Bethanien, wenige Schritte vom einst besetzten Rauch-Haus entfernt, ein Denkzeichen mit Textauszügen der Hausbesetzer-Hymne in den Boden eingelassen. Das Gebäude selbst wird momentan übrigens saniert.

Immer mal wieder entdeckt man auch Plakate für diverse Veranstaltungen rund um Rio und sein Werk in den Straßen. Seit 2021 ist zudem seine Ruhestätte auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg ein Berliner Ehrengrab.

Plakat für ein Rio-Musical

Rio Reiser und ich

In den frühen 90ern besaß ich etliche Mixtapes voll mit Ska, Irish Folk, Gothik und vor allem Punk, die meine ältere Schwester für mich aufgenommen hatte. Zwischen den „Fraggles“ von „Normahl“ und „Maßlos“ von „Molotow Soda“ waren auch mehrere Lieder der Ton Steine Scherben. „Keine Macht für Niemand“ ebenso wie der „Rauch-Haus-Song“, der mir damals aufgrund meines Alters vermutlich genau gar nichts sagte. Ein riesengroßer Fan war ich nicht, ich konnte und kann seinen Sololiedern wie natürlich „König von Deutschland“ mehr abgewinnen. Seit dem Konzert bei der Platzeinweihung höre ich aber auch die Scherben-Songs wieder gerne, vielleicht auch aus Nostalgie.

Lesetipp: „Als wir das Wunder waren“ von Misha Schoeneberg (2021) finde ich sehr lesenswert. Der Autor verwebt seine Erinnerungen an Rio sehr schön mit der damaligen Zeitgeschichte. Mich hat es berührt und ich kann es euch nur empfehlen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.