Stralau – Nobelkiez und Industriekultur

Während meiner zweiten Elternzeit entdeckte ich die nahe Halbinsel Stralau als kleines Idyll. Eine völlig andere Welt, in die man direkt nach Unterquerung der Brücke eintaucht. Leider hat die massive Bebauung der letzten Jahre dem Charme des Eilands einen ziemlichen Abbruch getan, dennoch kann ich einen Ausflug noch empfehlen, denn es gibt wirklich einiges zu entdecken. 

Historische Pfade auf Stralau entlang der Spree

Wenn ihr die Gleise der Ringbahn unterquert habt, beginnt der Historische Lehrpfad über Stralau mit seinen insgesamt 9 Infotafeln. Die erste erzählt die Geschichte der dortigen Teppichfabrik. Mit ihrer Gründung 1885 war sie der erste von später zahlreichen Industriebauten auf der einstigen Fischerinsel. Im Moment ist dort allerdings eine riesige Baustelle, denn das in den letzten Jahren recht verfallene Baudenkmal wird saniert. Es entstehen – Überraschung – Luxuswohnungen. Wo ihr hinter der Baustelle ans Ufer gelangt, säumen kastenförmige Neubauten mit viel Glas und umso weniger Persönlichkeit den Weg. Zum Glück ist der Blick auf die andere Spreeseite umso schöner. Verschlafen liegen dort die Ausflugsdampfer im Treptower Hafen. Direkt dahinter erstreckt sich der weitläufige Treptower Park.

Nach einem kurzen Spaziergang am Uferweg entlang, reihen sich viele bunte Steinchen an einer kleinen Brüstung auf. Die Kinder der Insel haben diese während des Corona-Lockdowns als Zeichen der Hoffnung bemalt oder mit Sprüchen versehen und hier abgelegt. Eine süße Idee, die ich inzwischen an vielen Orten in der Stadt gesehen habe – vielleicht bleibt das kleine Kunstwerk ja erhalten.

Karl Marx auf Stralau

Direkt hier findet ihr links das Karl-Marx-Denkmal. Es erinnert sowohl an die Zeit 1837, als der Philosoph einen Sommer lang auf Stralau lebte, als auch an den großen Streik der Glasarbeiter 1901. Die Angestellten der damaligen Stralauer Flaschenfabrik lebten dort in Werkswohnungen, den Hüttenhäusern, und engagierten sich – inspiriert durch Karl Marx – politisch. 1897 zog dann sogar der „Zentralverband der Glasarbeiter Deutschlands” hierher und organisierte den Streik, der allerdings scheiterte. Große Teile der Fabrik wurden 1945 zerstört, doch das Werkstattgebäude blieb teilweise erhalten und wurde in den letzten Jahren aufwendig saniert. Wer hätte gedacht, dass in dem einstigen Fischerdörfchen schon so viel passiert ist!

Vom Schlüsselbaum von Stralau

Von hier begebe ich mich auf die Suche nach dem etwas weniger bekannten Stralauer Schlüsselbaum. Eine riesige Platane, in der ein sagenumwobener alter Schlüssel in einem Metallring hängt. Ich hab wirklich lange mit Karten und Beschreibungen gesucht – leider erfolglos. Ich habe den Baum zwar gefunden und auch einen aufgebogenen Metallhaken, der Schlüssel war aber leider weg. Wie ich später im Internet recherchiert habe, muss dieser bereits vor mehreren Jahren gestohlen worden sein. Wirklich schade! Ein anderer enttäuschter Besucher hat zwar für Ersatz gesorgt und einen neuen kleinen Schlüssel im Baum versteckt – das ist für den alten Schlüssel, von dem unter anderem vermutet wurde, dass er zu einer hier versenkten Schatztruhe gehört, nur ein schwacher Trost.

Werftkran und Dorfkirche

Ab hier wird es zunehmend idyllischer auf der Halbinsel und zu den Infotafeln zu historischen Ereignissen und Monumenten gesellen sich etliche Tafeln, die der NABU Berlin aufgestellt hat. Diese informieren beispielsweise über Naturdenkmale und tierische Bewohner wie Vögel. Ihr passiert den blauen Werftkran aus dem Jahr 1933 

und gelangt dann an eine Wiese, die direkt an den Friedhof mit seiner mittelalterlichen Dorfkirche grenzt. Fun Fact: der Turm ist mit einer Nordwest-Neigung von 5 Grad sogar schiefer als der in Pisa! Spannender als das schiefe kleine Gotteshaus finde ich allerdings die leicht verwitterte Kapelle, die durch ihren neugotischen Stil viel älter wirkt als die Kirche. Gebaut wurde sie allerdings erst 1912. 

Dorfkirche Stralau Berlin
Dorfkirche Stralau – schiefer Turm

Tunnel nach Treptow

Vorbei an der Kirche passiert ihr einen unscheinbaren Mittelstreifen an der Tunnelstraße. Der Rasen sieht nach nichts Besonderem aus, allerdings war genau hier mal die Rampe des Spreetunnels. Durch diesen führte bis 1932 eine Straßenbahnlinie unter der Spree durch nach Treptow. Für die 450 Meter braucht die Bahn zwei Minuten. Die 15 Meter tiefen Tunnel sind geflutet, aber wohl noch vorhanden. Erbaut wurde die Unterführung in den Jahren 1895 bis 1899. Das übergroße Bild dieser Postkarte könnt ihr auf Treptower Seite in einem Fenster sehen.

Spreetunnel

Jetzt seid ihr fast am Ende Stralaus angekommen. Hier gibt es lauschige Plätzchen am Ufer, wo ihr eine Pause einplanen solltet. Mit Blick Richtung Treptow könnt ihr von dort die Insel der Jugend und das kürzlich neu eröffnete Traditionslokal Eierschale Zenner bewundern. Bis 2016 konnte man dabei regelmäßig ein knallrotes Wasserflugzeug starten und landen sehen, aufgrund der vielen Ausflugsboote hier wurden die Flüge allerdings eingestellt. 

Stralau entlang der Rummelsburger Bucht

Sobald ihr die Spitze umrundet, lauft ihr nicht mehr an der Spree, sondern an der Rummelsburger Bucht entlang mit Blick auf die kleinen Inselchen Kratzbruch und Entenwerder, wo sich heute Otter und Biber angesiedelt haben. Entenwerder ist bekannter als Liebesinsel, dort befand sich bis zum Zweiten Weltkrieg sogar ein beliebtes Ausflugslokal. 

Das kleine Fleckchen wurde nicht nur bei Theodor Fontane erwähnt, sondern einst auch von Paul Lincke besungen. Spannender als die beiden Inseln finde ich allerdings die vielen selbstgebauten Hausboote, die sich hier und in der gesamten Bucht tummeln. Sie tragen fantasievolle Namen wie „Wackelberry“, „Eroberung des Unwahrscheinlichen“, „Rockfisch“ oder „Panther Ray“.

Etwas weiter die Bucht hinunter haben sich einige sogar zu einer dauerhaften, schwimmenden Festung zusammengebunden über der eine Piratenflagge weht. Immer wenn ich hier vorbeilaufe, muss ich irgendwie an den Film “Waterworld” denken. 

Vom Palmkernölspeicher zur Liebesbank

Kurz darauf fällt der alte Palmkernölspeicher aus dem Jahr 1883 ins Auge. Seit seiner Restaurierung ein ganz schmucker Blickfang. Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen neidisch auf die Person bin, die auf einem der wenigen Balkone in der Sonne liegt. Mit den Rohstoffen aus den deutschen Kolonien in Westafrika entstand hier übrigens einst ein Pflanzenöl, das als Grundprodukt für Margarineherstellung diente.

Ich stehe eine ganze Weile verträumt vor dem alten Speicher, bevor ich mich umdrehe und dann direkt auf den Kulturkahn Paula blicke – eine schöne Kiezoase mit vielfältigem Angebot. Gerade starten dort wieder Yoga- und Pilateskurse, die an Deck stattfinden.  

Wenige Schritte später endet das Idyll und ihr steht an einer weiteren riesigen Baustelle. Wer hier immer noch Lust auf mehr hat, der biegt nach rechts in den Uferweg mit dem niedlichen Namen Paul-und-Paula-Ufer ein. Hier wurden Teile des DDR-Klassikers „Die Legende von Paul und Paula“ gedreht und eingefleischte Fans können sich dort auf der Liebesbank aus einer der Filmszenen ausruhen. 

Und wo wir schonmal beim Thema Film sind: glaubt es oder nicht – an mir ist auf Stralau schon dreimal Matthias Schweighöfer vorbeigejoggt. 

Wenn ihr schon hier seid, könnt ihr auch gleich noch einen Spaziergang in Rummelsburg machen. Oder wie wäre ein Ausflug in den Plänterwald oder mit Kind nach Treptow?

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